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Studie zeigt: ILF Neurofeedback führt zur signifikanten Verbesserung von Impulskontrolle und Aufmerksamkeit bei Kindern mit ADHS

22. March 2021

Im Rahmen der Studie - die in Kooperation mit dem Neurofeedback Netzwerk und einer Gruppe von kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen in München durchgeführt wurde - erhielten 251 AD(H)S-PatientenInnen Neurofeedback. Vor Beginn und nach Beendigung der Therapie erfolgte eine Aufmerksamkeitstestung. Ein Vergleich der Testergebnisse zeigt, dass Aufmerksamkeit und Impulskontrolle sich signifikant verbesserten, ebenso berichten die PatientenInnen eine Verbesserung der AD(H)S Symptome. 

Ein ausführlicher Artikel zu der Studie ist im Mai 2020 in “neue AKZENTE” Heft Nr. 115 (ADHS Deutschland e.V.) erschienen. 

Zitation: Mackert, J. (2020). Neurofeedback bei AD(H)S – mit ILF-Neurofeedback die Aufmerksamkeit verbessern. neue AKZENTE 115(1), 8-12. 
PDF Version über Researchgate 

 

Die Diagnose AD(H)S


Etwa fünf Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter leiden unter AD(H)S. Sie zeigen  situationsübergreifend Symptome von Unaufmerksamkeit, Impulsivität und ggf. Hyperaktivität, die zum Teil erheblichen Leidensdruck verursachen. In der Regel ist diese Erkrankung auch mit funktionellen Beeinträchtigungen assoziiert und es kommt insbesondere in den Bereichen Schule und Ausbildung häufig zu Problemen. Betroffene und deren Eltern sind auf der Suche nach effektiven Behandlungsmethoden, insbesondere solchen, die ohne den Einsatz von Psychopharmaka anhaltende Behandlungserfolge bringen. 

 

AD(H)S und Neurofeedback


Da neurologische und psychiatrische Erkrankungen mit spezifischen Veränderungen in der Gehirnaktivität einhergehen (Hammond, 2019), kann Neurofeedback - eine nichtinvasive EEG-basierte und computergestützte Therapiemethode - eine sinnvolle Behandlungsoption sein. Mit Neurofeedback können dem Patienten bestimmte Komponenten der eigenen Gehirnaktivität in Echtzeit visualisiert werden. Diese visuellen Reize stellen ein Feedback-Signal dar, welches von den optischen Hirnzentren dekodiert werden kann. Ausgehend von der Visualisierung der Gehirnaktivität, können - je nach Therapieziel - verschiedene Trainingsmodule ansetzen. 

 

 

Funktionsweise Neurofeedback
München-Studie Neurofeedback bei ADHS Bewertung
München-Studie_Ergebnisse


In dieser Studie wurde das Infra-Low-Frequency (ILF) Neurofeedback angewendet, welches das Gehirn insbesondere mit Anteilen seiner Aktivitäten konfrontiert, die im besonders niedrigen Frequenzbereich liegen. Durch die Platzierung der Elektroden auf der Kopfhaut oberhalb bestimmter assoziativer Hirnareale können dem Gehirn bis zu 15 verschiedene Parameter der Aktivität rückgemeldet werden, um die Änderungen seiner inneren Zustände zu spiegeln und die Veränderungsarbeit auf unbewusster Ebene anzustoßen (Wiedemann, 2015). Bereits seit den 80er-Jahren zeigen klinische Studien mit AD(H)S-Patienten, dass sich durch Neurofeedback verschiedene Parameter der Aufmerksamkeit und Impulskontrolle sowie schulische Leistungen signifikant verbessern (Lubar & Lubar, 1985; Kaiser & Othmer, 2000; Sasu & Othmer, 2015). Folgestudien bestätigen zudem eine anhaltende Verbesserung der Aufmerksamkeit und auch der schulischen Leistungen sechs und 24 Monate nach Beendigung der Neurofeedback-Therapie (Gani, Birbaumer & Strehl, 2008; Van Doren et al., 2018). Dass eine Behandlung mit Neurofeedback dauerhafte und vergleichbare Effekte wie die Behandlung mit Stimulanzien wie Methylphenidat (Ritalin) bringt, konnte in neueren Arbeiten nachgewiesen werden (Fuchs et al., 2003.; Monastra et al., 2002; Rossiter, 2004). 

 

Die Studie 


Ziel dieser multizentrischen Beobachtungsstudie war es zu untersuchen, ob ILF Neurofeedback eine therapeutisch relevante Behandlungsoption für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit AD(H)S darstellt. Im Zeitraum von Januar 2015 bis September 2017 wurden 251 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene (7-21 Jahre) mit einer AD(H)S-Diagnose begleitet, die in einem Zeitraum von 15 Wochen etwa 30 Sitzungen Neurofeedback erhielten, was der empfohlenen Frequenz von zwei Sitzungen pro Woche entspricht. Die PatientInnen nahmen jeweils vor und nach der NeurofeedbackTherapie an einem spezifischen Test zur Erfassung verschiedener Parameter der Aufmerksamkeit und Impulskontrolle teil und bewerteten zudem auch die Schwere ihrer Symptome.

Für das ILF-Neurofeedback wurden EEG-NeuroAmp®-Systeme der Firma BEE Medic genutzt. Das angewendete Behandlungsprotokoll entsprach der evidenzbasierten Methode nach Othmer, bei der die Elektrodenplatzierung und Trainingsfrequenzen (<0.1 Hz) individualisiert festgelegt werden (Othmer, 2017). Die Testung der Aufmerksamkeit und Impulskontrolle wurde mit dem ContinuousPerformance-Test (QIKtest) durchgeführt, welcher die Aufmerksamkeit in vier Variablen (Reaktionszeit, Variabilität der Reaktionszeit, Auslassungsfehler und Kommissionsfehler) erfasst.

In die Auswertung wurden die Vorher- und Nachher-Testdaten von n=196 TeilnehmerInnen (21% = weiblich, 79% = männlich, Durchschnittsalter =  12,06). Tabelle 1 zeigt die gemessenen prä-post Werte in den vier Variablen der Aufmerksamkeitstestung sowie (signifikante) Unterschiede. 

Die Auswertungen des Aufmerksamkeitstests zeigt eine signifikante Verbesserung aller vier Parameter nach der Neurofeedback Therapie. Dies lässt darauf schließen, dass jene zu einer verbesserten Selbstregulation des Gehirns beiträgt. Im Schnitt reagierten die PatientInnen schneller, die Variabilität in der Reaktionszeit war geringer und auch die Anzahl der Fehler ging signifikant zurück. Dies zeigt sich insbesondere bei den Commissionsfehlern: die TeilnehmerInnen zeigten also nach der Neurofeedback Therapie signifikant seltener ein impulsives Antwortverhalten. 

97% der PatientInnen berichten außerdem subjektiv von einer Verbesserung von Symptomen nach der Neurofeedback Behandlung. Nur 3% der PatientInnen gaben an, im Vorher-Nachher-Vergleich keine Verbesserung in den Symptomen wahrgenommen zu haben.

 

Besonders starke Veränderungen in der Bewertung zeigen sich bei den Symptomen Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit. Diese werden von den PatientInnen nach der Neurofeedback Therapie deutlich weniger schwer bewertet. 

 

Studienergebnisse und Implikationen


Die Ergebnisse legen nahe, dass sich nach etwa 30 Neurofeedback Sitzungen Aufmerksamkeit, Daueraufmerksamkeit und Impulskontrolle der PatientInnen signifikant verbessert hatten. Ebenso konnte die wahrgenommene Stärke der Symptome stark reduziert werden. Der therapeutische Nutzen des ILF Neurofeedback kann basierend auf diesen Ergebnissen als sehr gut bewertet werden. Dies spricht dafür, dass eine ILF-Neurofeedback Therapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit AD(H)S ein sinnvoller Therapiebaustein sein kann. Die Rückmeldungen von Seiten der PatientInnen sowie deren Eltern waren durchweg positiv. Auch die behandelnden TherapeutInnen bewerten die Behandlungsmethode sowie die Veränderungen ihrer PatientInnen als sehr positiv. Diese vielversprechenden Ergebnisse motivieren zu weiterer Forschung zu ILF-Neurofeedback in der Behandlung von AD(H)S. Insbesondere solche, die über die Limitation dieser Beobachtungsstudie hinausgehen und beispielsweise interventionellen Charakter haben, eine Kontrollgruppe und weitere validierte Erhebungsinstrumente zu Parametern von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle et. - auch als Validitätskriterien- umfassen. Studien, die Neurofeedback vergleichend zu anderen Therapieverfahren und/oder die Langzeitwirkung der Effekte einer Neurofeedback Therapie untersuchen, wären ebenfalls interessant.  Obwohl die Ergebnisse aus der vorliegenden Beobachtungsstudie nur begrenzt generalisierbar sind, so zeigen sie anhand einer recht großen Stichprobe, dass eine subjektive und behaviorale Verbesserung von Symptomen durch die ILF-Neurofeedback Therapie bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S möglich ist. ILF-Neurofeedback kann dabei als nichtmedikamentöse, nicht-invasive und schmerzfreie Behandlungsoption die Therapiemöglichkeiten bei AD(H)S, bereichern. 

 


Quellen 

Fuchs, T., Birbaumer, N., Lutzenberger, W., Gruzelier, J. H. & Kaiser, J. (2003). Neurofeedback Treatment for AttentionDeficit/Hyperactivity Disorder in Children: A Comparison with Methylphenidate. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 28 (1), 1-12.
Gani, C., Birbaumer, N. & Strehl, U. (2008). Long term effects after feedback of slow cortical potentials and of theta-betaamplitudes in chindren with attention-deficit/hyperactivy disorder (ADHD). International Journal of Bioelectromagnetism, 10 (4), 209-232. 
Hammond, D. C. (2019). Integrating Clinical Hypnosis and Neurofeedback. American Journal of Clinical Hypnosis, 61(4), 302- 321. 
Kaiser, D.A. & Othmer, S. (2000). Effect of Neurofeedback on Variables of Attention in a Large Multi-Center Trial. Journal of Neurotherapy, 4 (1), 5-15. 
Lubar, J.O. & Lubar, J.F. (1984). Electroencephalographic Biofeedback of SMR and Beta for Treatment of Attention Deficit Disorders in a Clinical Setting. Biofeedback and Self-Regulation, 9 (1), 1-23. 
Monastra, V. J., Monastra, D. M. & George, S. (2002). The Effects of Stimulant Therapy, EEG Biofeedback and Parenting Style on the Primary Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 27 (4), 231-249. 
Othmer, S. (2017) Protocol guide ILF HD-module 6th Edition. Woodland Hills CA: EEG Institute.
Rossiter, T. (2004). The Effectiveness of Neurofeedback and Stimulant Drugs in Treating AD/HD. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 29 (4), 233-243. 
Sasu, R. & Othmer, S. (2015). Neurofeedback in Application to the ADHD spectrum. In Hanno W. Kirk (Hsg.) Restoring the Brain: Neurofeedback as an Integrative Approach to Health. (S.231-260). Boca Raton, Florida: CRC Press.
Van Doren, J., Arns, M., Heinriich, H., Vollebregt, M. A., Strehl, U. & Loo, S. K. (2018). Sustained Effects of Neurofeedback in ADHD: a Systematic Review and Meta-Analysis. European Child & Adolescent Psychiatry, doi: 10.1007/s00787-018- 1121-4. 
Wiedemann, M. (2015). Infra Low Frequency (ILF-) Neurofeedback. In K.-M. Haus, C. Held, A. Kowalski, A. Krobholz, M. Nowak, E. Schneider, G. Strauß & M. Wiedemann, Praxisbuch für Biofeedback und Neurofeedback (2. Auflage), 91- 115. Berlin, Heidelberg: Springer.